id_kulturzeit3sat kulturzeit Dienstag 15.7.2014

Rhetorik der Selbsttäuschung

Regelmäßige Leser wissen, dass die selbsternannte “kulturzeit” mit ihren regelmäßigen Ausflügen in die politische Propaganda ein genauso regelmäßiger Gast in der Propagandaschau ist. Doppelmoral und der Missbrauch des Kulturbegriffs für politische Desinformation und Hetze sind ein wiederkehrendes Motiv in diesem schwarzen Kanal mit pseudo-intellektuellem Anstrich.

Gestern gab es wieder einmal ein sehenswertes Schauspiel, das man sich in Ruhe zu Gemüte führen sollte. Allen Ernstes wurde dem Bürger eingeredet, er sei selbst Schuld, an der Machtergreifung der Nazis, der Mordserie des NSU oder der Überwachung durch die NSA. Ist das so?

Das Thema der Sendung war, anlässlich der Veröffentlichung eines gleichnamigen Buches, die “Rhetorik der Selbsttäuschung” (3sat-Link). Wer die kompletten 8 Minuten inklusive Moderation und Interview sehen möchte, ohne lange beim Staatssender rumzusuchen, kann das unter diesem ▶myvideo-Link.

Die Anmoderation von Cécile Schortmann:

“Es gehört ganz offenbar zum menschlichen Wesen dazu, die Wirklichkeit zeitweise durch eine Art Zerrspiegel zu betrachten, weil es einfach leichter ist. Auch gemeinschaftlich tun wir das, belügen uns als Gesellschaft. Auf wie vielen Ebenen die Selbsttäuschung funktioniert, wie sehr auch die Sprache dabei eine Rolle spielt, das zeigt jetzt ein neues Buch mit dem Titel “Rhetorik der Selbsttäuschung” – höchst interessant. Gleich spreche ich mit einem der Herausgeber. Zunächst aber zeigen Ihnen Susan Christely und Josefine Bauer einige prominente Beispiele der Selbsttäuschung, auch aus der Literatur.”

Aus dem Filmbeitrag:

3sat_kulturzeit_15.7.selbsttaeuschung1“Der erste Weltkrieg ist für Gerd Antos ein Musterbeispiel für Verblendung. Die sogenannte Dolchstoßlegende zeige die damalige Unfähigkeit der Deutschen, die militärische Niederlage einzugestehen. Dass die Verschwörungstheorie der Heeresleitung geglaubt und zu einer Grundlage für die Machtergreifung der Nazis wurde, zeige die Gefahren kollektiver Selbsttäuschung.”

3sat_kulturzeit_15.7.selbsttaeuschung“Auch die Zeitgeschichte ist voll davon. Polizei und Verfassungsschutz haben jahrelang nicht registriert, dass zahlreiche Morde an Ausländern, das Werk Rechtsradikaler waren.”

 

3sat_kulturzeit_15.7.selbsttaeuschung2“Und neben den Verbrechen des NSU ist auch die Spionage der NSA großes Feld für täuschen und getäuscht werden. Haben die deutschen Behörden wirklich nicht gewusst, was der amerikanische Freund tut.Oder gilt auch hier, was Christian Morgenstern in seinem Gedicht “Die unmögliche Tatsache beschreibt”:

Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf
nicht sein kann, was nicht sein darf.”

Im folgenden Interview blamiert sich der Mitherausgeber Antos indem er die “Bielefeld-Verschwörung” zu einer echten Verschwörungstheorie erklärt, die angeblich Menschen geglaubt hätten. Dass es sich dabei um einen Hoax aus einer Bierlaune heraus handelt, hat sich offenbar noch nicht bis zu dem Sprachexperten herum gesprochen.

Moderatorin Schortmann zeigt dann auch freundlicherweise gleich einmal wie rhetorische Selbsttäuschung funktioniert, wenn sie den Unsinn vom amerikanischen “Freund” heranzieht:

Schortmann: “Ein Fall, den sie auch in ihrem Buch nennen, ist der Umgang mit den Ausspähpraktiken der Amerikaner, also vor allen Dingen von der deutschen Politik. Wie sinnvoll ist es denn da, sich selber zu belügen, so zu tun, als ob Freunde das eben genau nicht machen. Ich meine ein offensiver Umgang damit ist doch wichtig.”

Richtig gelesen oder gehört! Sie sagt nicht:

“Wie sinnvoll ist es denn, so jemanden Freund zu nennen?”

Sie sagt tatsächlich:

Wie sinnvoll ist es denn da, sich selber zu belügen, so zu tun, als ob Freunde das eben genau nicht machen.

Sie will uns damit mitteilen, dass es offenbar bei Freunden dazu gehört, sich gegenseitig zu bespitzeln. Erinnert euch daran, wenn ihr Schortmann einmal persönlich kennen lernen solltet!

Die letzten Punkte sind aber nur Randnotizen. Viel wichtiger ist die ungeheure Unterstellung, der normale Durchschnittsbürger könne der Propaganda eines staatlichen oder privaten Medienapparates intellektuell etwas entgegensetzen, wenn der ihm täglich einhämmert “Juden sind unser Unglück”, “Ausländer sind kriminell” oder “Amerikaner sind unsere Freunde”.

Der Durchschnittsbürger hat dem nichts entgegenzusetzen. Zumindest nicht, wenn er keine eigenen, anders lautenden Erfahrungen gemacht hat – etwa weil er Juden oder Migranten im Freundeskreis hat – oder einen ausreichend kritischen Verstand besitzt, der ihn anleitet, alles zu hinterfragen. Er hat das Bedürfnis angepasst zu leben und mit dem Rudel zu heulen, um von der Gemeinschaft anerkannt zu werden. Der Durchschnittsbürger hatte niemals ein genuines Interesse an irgendeinem Krieg mit Frankreich oder anderen europäischen Staaten. Der Durchschnittsbürger kam auch nicht mit Juden- oder Ausländerhass auf die Welt oder mit dem Glaube “die Amerikaner sind meine Freunde”. All das sind Denkmuster, die dem Bürger durch einen Medienapparat eingetrichtert werden, der schon zu Kaiserzeiten unter Kontrolle und im Dienste der Herrschaft wirkte.

Wenn sich jetzt in einem mit Zwangsgebühren finanzierten Staatsfunk die Hetzmäuler der Herrschaft hinstellen und sagen: “Wir warens nicht. Das ist euer Kollektivversagen!” dann ist das an Unverschämtheit und Verachtung wirklich schwer zu überbieten.

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