Hauke Ritz: “Presse scheint ihre Aufgabe zunehmend darin zu sehen, Feindbilder zu etablieren.”

tplogoAuf Telepolis hat Paul Schreyer den Geschichtsphilosoph Hauke Ritz über den Westen, Russland und die unbewusste Präsenz des Religiösen in der Politik befragt.

Hauke Ritz, Jahrgang 1975, ist Autor u.a. mehrerer Essays in den “Blättern für deutsche und internationale Politik” und veröffentlichte zuletzt das Buch “Der Kampf um die Deutung der Neuzeit”.

In einem Absatz über den aktuellen Zustand der Presse beschreibt Ritz die Situation treffend:

Hauke Ritz: Die Entwicklung der Presse in den letzten 25 Jahren ist das wohl drastischste und traurigste Beispiel der kulturellen Erosion, die Europa zu verzeichnen hat. Wenn es um Außenpolitik geht, werden die Menschen einfach nicht mehr über die simpelsten Fakten informiert. Die Presse scheint ihre Aufgabe zunehmend darin zu sehen, Feindbilder zu etablieren. Die Journalisten sammeln sich wie um eine Fahne, um die Interessen eines Lagers, meist der neokonservativen Fraktion im Westen, abzubilden und blenden dabei alle übrigen Fakten und Perspektiven aus, als ob sie nicht existieren würden. Eine Aufklärung über die Geschichte eines Konflikts, bestehende Interessensgegensätze, potentielle Gefahren et cetera findet nicht mehr statt. Selbst gestandene Politiker und Diplomaten, die noch während der Wiedervereinigung Strategien der Entspannungspolitik vertraten, haben heute Probleme, in der Presse zu Wort zu kommen.

Und da würde ein zweiter europäischer Kulturkreis helfen?

Hauke Ritz: Man kann zumindest sagen, dass jene 25 Jahre, in denen das westliche Zivilisationsmodell keinem Vergleich und keiner Konkurrenz mehr ausgesetzt war, ihm schlecht bekommen sind. Durch das Wegbrechen des kritischen Potentials der Universitäten, Kirchen, Gewerkschaften und der Presse ist zunehmend eine Gesellschaft entstanden, die nur noch Einheitsperspektiven zu allen möglichen Themen zulässt.

Diese heute in der Presse vertretene Einheitsperspektive führt zu einer Einschüchterung des Denkens insgesamt und damit zu einer Abnahme der intellektuellen Freiheit. Man spürt das im Alltag, etwa im Zuge wissenschaftlicher Debatten, die heute an den Universitäten geführt werden. Es existiert eine Angst vor dem Überschreiten echter oder imaginärer roter Linien und dies führt letztlich zu einer verstärkten Selbstzensur. Dadurch ist es in den westlichen Staaten zu einer unglaublichen Verödung des kulturellen und öffentlichen Lebens gekommen, und parallel dazu zu einer unfassbaren Verflachung der Politik.

In den Medien herrscht heute eine Haltung und Sprache der Ignoranz vor. Die neoliberal postmoderne Kultur des Westens ist zum einzigen relevanten Maßstab geworden. Das Existenzrecht anderer Kulturen wird gar nicht mehr wahrgenommen. Sollte jetzt in Gestalt der Eurasischen Union eine zweite Interpretation Europas entworfen werden, so wäre das eigentlich eine gute Nachricht auch für die EU. Es zwänge uns dazu, in den Spiegel zu blicken, uns erneut zu vergleichen und könnte somit Bewusstseinsprozesse und Veränderungen anstoßen, die ansonsten ausblieben. Diesen Effekt hätte ein solches Gegenmodell selbst dann, wenn es zunächst nicht besser ist als die EU. Dass es anders ist, reicht fürs erste völlig aus. Und ein Erfolg der Eurasischen Union hätte wahrscheinlich zur Folge, dass in anderen Kulturkreisen, etwa Lateinamerika oder auch der arabischen Welt ähnliche Strukturen entstehen. Damit wäre dann der Übergang von der unipolaren in die multipolare Welt vollzogen.

Zu dem besonders lesenswerten Interview geht es hier.


Quelle und weiterlesen: http://www.propagandaschau.de

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